"Der Kampf um talentierte Neueinsteiger wird entscheidend sein, wie sich Zürich als IT-Cluster in den nächsten Jahren entwickelt"
Mehr als 150 Personen folgten am 1. September 2011 der Einladung von Interxion, APC by Schneider Electric, Schneider Electric und nexellent zum traditionellen "e-grill". Ob es am illustren Kreis des Podiums oder am hervorragenden Catering lag, kann nicht definitiv eruiert werden, doch die Meinung unter den vielen Gästen war einhellig: Es war sowohl inhaltlich als auch kulinarisch ein überaus gelungener Abend.
"Wir müssen Ressourcen zusammenlegen und die Synergien noch konsequenter nutzen, um wirklich von einem Marktplatz der IT-Branche reden zu können", mit diesen Worten begrüsste Edy Van den Broeck, Managing Director von Interxion, die zahlreiche erschienenen Gäste in Glattbrugg. "Wir müssen lernen, mit anderen Firmen zusammenzuarbeiten, dies mit dem Ziel, dem Kunden die bestmögliche Lösung zu bieten und nicht nur die bestmögliche interne Lösung".
Nach diesen einleitenden Worten übernahm Martin Spieler, Chefredaktor SonntagsZeitung, die Leitung des Abends. "Wohin bewegt sich der IT-Cluster von Zürich?" und "Was muss von den Firmen unternommen werden, um weiterhin erfolgreich tätig zu sein?", diese beiden Fragen standen im Mittelpunkt des Podiums mit den Teilnehmern Alfred Heer (Nationalrat SVP, Präsident SVP Zürich, anstelle von FDP-Nationalrat Ruedi Noser), Andreas Kälin (IT-Unternehmer und Leiter Kooperationsprojekte eZürich), Roger Karner (CEO Schneider Electric), Michael Siber (Mitglied der GL nexellent) sowie Marco Kuendig (Manager Datacenter and Cloud Cisco Switzerland, anstelle von Eric Waltert).
"In Ihrer Branche herrscht eine unglaubliche Goldgräberstimmung. Was früher das physische Gold war, sind heute die Daten. Doch auch die Goldgräbereuphorie endetet abrupt", mit dieser Behauptung konfrontierte Martin Spieler die Podiumsteilnehmer. Doch wer nun glaubte, dieser provokanten These würde generell widersprochen, sah sich getäuscht. Im Gegenteil: Alle bestätigten die positive Entwicklung der letzten Jahre und gehen davon aus, dass diese Stimmung auch in den nächsten Jahren grundsätzlich anhalten werde. Zwar werde es partielle Veränderungen geben, doch die Firmen seien für den (internationalen) Wettbewerb gut aufgestellt. Ausserdem habe die Schweiz, so der einhellige Tenor, gute Rahmenbedingungen geschaffen (sichere politische Lage, Stromsicherheit, tiefe Strompreise, gut ausgebildetes Personal), wobei Nationalrat Alfred Heer in seiner gewohnt pointierten Art klar machte, dass "diese positive Entwicklung genau darauf zurückzuführen sei, dass der Staat eben nicht reinrede". So ernst das Thema, manchmal konnte auch gelacht werden.
"War of Talents" als grösste Herausforderung
Ernster diskutiert wurde das Thema "Zukunft". Für Roger Karner ist es wichtig, Sicherheit und Energiemanagement (= Steigerung der Energieeffizienz) zu kombinieren, wobei sich die Schweiz "auf einem guten und zukunftsorientierten Weg befindet". Michael Siber, der die Anwesenden mit der Aussage verblüffte, dass "die beiden nexellent-Rechenzentren den gleichen Strombedarf haben wieder gesamte Flughafen Zürich", sieht vor allem Handlungsbedarf in den Bereichen Stromqualität und Strompreisstabilität, beides Faktoren, auf die die Branche keinen direkten Einfluss nehmen kann. "Es muss der Branche gelingen, sich von den kostengünstigen Commodity-Leistungen zu trennen", so Marco Kündig, "und "customized-solutions" zu entwickeln und anzubieten, um auch weiterhin unsere Stellung ausbauen zu können. Nur so können wir uns gegenüber der billigen ausländischen Konkurrenz behaupten". Und was meinte dazu Andreas Kälin? Für ihn ist es entscheidend, das ramponierte Image der IT-Branche zu verbessern. "Viele junge Leute haben immer noch das Gefühl, als IT-ler stundenlang allein vor dem Computer sitzen zu müssen." Dieses falsche Image führe laut Kälin dazu, dass die Attraktivität der IT-Berufe sinke und schon heute zu einem echten personellen Engpass führe. Mit dieser Aussage traf er einen wunden Punkt.
A propos "Human Resources". Der Mangel an qualifizierten Fachkräften scheint bereits heute ein echtes Problem zu sein. Roger Karner brachte es auf den Punkt: "Wir haben in unserer Branche null Prozent Arbeitslosigkeit!". Rekrutierungszeiten von über 5 Monaten seien üblich und der "War of talents" (Zitat Martin Spieler) sei bereits voll im Gange. Michael Siber betonte in seinem Statement, dass "wir als gesamte Branche gefordert sind, die ICT besser zu verkaufen, um weiterhin auf die besten Fachkräfte zurückgreifen zu können". Dies führe dazu, dass sich die Schweiz für IT-Spezialisten ausserhalb der EU zu öffnen habe. Diesem Anliegen stimmte sogar Nationalrat Heer zu. Was wiederum bei einigen Gästen zu einem gewissen Schmunzeln führte.
Visionen sind gefragt
Wo stehen die IT und der IT-Cluster Zürich in zehn Jahren? Grundsätzlich waren sich die Podiumsteilnehmer in einem Punkt einig: Die Zukunft für die Branche sind rosig und werden auch rosig bleiben, wenn das "Problem" der Nachwuchskräfte nachhaltig gelöst werden kann. Zürich soll sich desweiteren zu einer Drehscheibe der IT-Welt entwickeln, die sich durch Stabilität der Rahmenbedingungen und hochqualifizierte Services auszeichnet. Dank innovativen Technologien im Energiemanagement wird die Leistungsfähigkeit weiter erhöht, während die Fixpreise sinken. Die Politik soll sich vornehm zurückhalten und nur in ganz dringenden Fällen regulierend eingreifen. All dies soll dazu führen, dass sich die Schweiz dort wiederfindet, wo sich heute bereits steht: auf dem 1. Platz des WEF Competitive Contest.
Damit wurde bestätigt, was Martin Spieler in seiner Einleitung behauptete: In der Schweizer IT-Branche herrscht Goldgräberstimmung. Bleibt zu hoffen, dass sich alle Verantwortlichen bewusst sind, dass "General Johann August Sutter aufgrund von falschen Entscheidungen als Bettler endete".